Dienstag, 29. November 2016

Das dritte ganze halbe Haus

... ist immer noch nicht ganz fertig!

Aber ich habe zumindest schon mal einen Vorgeschmack für euch. Mittendrin rausgeschnitten. Aber Kenner der beiden ersten Bände finden sich sicher schnell zurecht... Nicht beim Essen lesen! :)

Hier eine Leseprobe aus dem dritten Band!



Kaputte Leuchter werfen ihre Schatten voraus

‚Die Lampe‘ von der Mama sprach, war tatsächlich der in unserem dänischen Ferienhaus sehr ähnlich gewesen. Ich kannte sie vor allem von Fotos, denn sie war schon einige Jahre nicht mehr in unserem Wohnzimmer. Die Zwillinge hatten bei einer Sofakissenschlacht ganze Arbeit geleistet und vor sicher vier oder fünf Jahren den elektrischen Kronleuchter mit Schwung abgehängt und völlig zerlegt. Sam behauptete, es war ein Kissen. Noah erzählte, sie hätten Musketier gespielt und sich erst mit ihren Plastikdegen bekämpft, dann mit den Kissen. Schließlich sei Sam auf die Idee gekommen, sich wie in dem Film, den sie am Abend zuvor gesehen hatten, an den Kronleuchter zu schwingen. Die Idee war zwar einerseits cool, andererseits auch ziemlich blöde. Denn egal ob Kissen oder Musketier – der Kronleuchter überlebte das Spiel nicht! Gar nicht!
Mama war damals furchtbar traurig gewesen, denn der Leuchter hatte sie immer an ihre Großeltern erinnert. Einige Zeit später kam uns Tante Irmchen besuchen und wunderte sich, warum wir im Wohnzimmer nur ein paar Kabel und eine Glühbirne statt einer Lampe über dem Tisch hängen hatten. Mama erzählte zerknirscht von den Kissenmusketieren und bevor Tante Irmchen wieder abreiste, drückte sie Mama einen Bündel Geldscheine in die Hand, um sich eine schöne neue Lampe zu kaufen. „Was sollen denn auch die Leute denken, wenn beim Pfarrer im Wohnzimmmer nur ne nackte Birne hängt?“

„Das war vor Jahren!“ murmelte Mama. „Vor Jahren!“
„Und?“ fragte Lena. Sie legte sich Noel über die Schulter und klopfte ihm sacht mit der flachen Hand auf den Rücken.
„Sie kommt wieder!“, stöhnte Mama. „Tante Irmchen kommt nach Jahren wieder und wir haben immer noch keine Lampe gekauft!“
„Wir wohnen ja auch nicht mehr in dem alten Haus“, versuchte ich Mama zu beruhigen.
Mama nickte. „Ja, aber was hängt über unserem Tisch im Wohnzimmer?“
Ich musste grinsen. „Eine nackte Glühbirne!“
Mama wimmerte.
„Es ist ja nicht so, dass wir es nicht versucht hätten!“, fuhr Mama fort.
Und das stimmte.

Mama hatte uns kurz nach Tante Irmchens Abreise ins Auto gepackt und war mit uns zu IKEA gefahren, um eine schicke neue Lampe zu kaufen. Papa hatte sich extra den Nachmittag freigeschaufelt. So saßen wir zu sechst im Bus und überlegten, was genau wir dort wohl machen würden. Mo war damals noch sehr klein und drum kam er in den Buggy und musste mit Mama und Papa durch die Ausstellung. Sam, Noah und ich wollten lieber in den Kinderbereich mit dem Bällebad und dem Kino. Das fanden auch Mama und Papa eine ziemlich tolle Idee. Sie gaben uns im Erdgeschoss ab (obwohl Noah und Sam schon viel zu alt waren, drückten die Bällebadmitarbeiterinnen ein Auge zu) und wir hatten eine Menge Spaß.
Während Mama und Papa gemütlich durch die Möbellandschaften spazierten, war Mo irgendwie aus den Gurten des Buggys geschlüpft und wanderte auf eigene Faust durch die Bettenabteilung. Es dauerte fast eine Dreiviertelstunde, bis sie ihn wiederfanden. Er war in das gleiche Gitterbett geklettert, dass er von zu Hause kannte und war dort erschöpft eingeschlafen. Als sie endlich in der Lampenabteilung angekommen waren, waren Mama und Papa bereits ziemlich gerädert. Mo dagegen war ausgeruht und frisch und plapperte laut vor sich her. Da klingelte Papas Hosentasche.
Wenn man bei IKEA Kinder zur Aufbewahrung abgibt, bekommt man ein kleines Gerät, mit dem man benachrichtigt werden kann, wenn eines der Kinder dringend abgeholt werden will. Oder muss.
Das Ding klingelte also und Papa und Mama machten sich genervt auf, um bei uns dreien nach dem Rechten zu sehen. Das war auch ganz gut so, denn bei uns gab es ziemlich Ärger. Sam und Noah waren am Tag zuvor auf einem Kindergeburtstag gewesen und hatten dort mächtig Kuchen, Pommes und Eis gefuttert. Wie sich später herausstellte, war mit dem Eis was nicht in Ordnung gewesen. Das hatte Sams Magen gemeldet, als er gerade im Bällebad saß. Er wurde bleich und wimmerte irgendwas und dann schoss er in den Stand und versuchte durch die Bälle an den Rand zu kommen. Aber da Noah das für ein lustiges neues Spiel hielt, warf er sich auf Sam, zog ihm die Beine weg und der Kerl landete wieder in den bunten Bällen. Dann musste er sich übergeben. Noah wich zurück und schrie um Hilfe. Eine der Betreuerinnen sah mit einer Mischung aus Ekel und Mitgefühl auf den Jungen, der weinte und würgte und einfach nicht mehr konnte. Eine andere Frau stürzte sofort zum Schreibtisch und suchte die Nummer des Elternalarms raus. Als meine Eltern kamen, sahen sie Noah und mich auf einem überdimensionalen Fliegenpilz sitzen, während Sam schluchzend im Bällebad stand. „Nicht bewegen!“, raunzte ihm die zweite Betreuerin zu. Die andere hatte die übrigen Kinder im Kinderkino zusammengetrieben.
„Was ist denn hier los?“, wollte Papa wissen und hechtete auf Sam zu.
„Sind Sie die Eltern?“, schnauzte die Frau.
„Höchstpersönlich!“, sagte Mama mit ihrer Lehrerinnenstimme.
Papa hechtete in die Bälle und zog den zitternden Sam heraus.
„Nicht!“, schrie die Frau. „Sie rühren das ja noch alles unter!“ Die Frau deutete auf die bespuckten Bälle vor Sam. Sie fuchtelte mit den Armen und war ganz außer Atem. „Sie …, Sie …! Was sind Sie denn für Eltern, dass Sie ein krankes Kind hier abgeben!“
Papa übergab Sam an Mama und baute sich vor der Frau auf.
„Was sind Sie denn für eine Betreuerin, dass Sie sich nicht um ein krankes Kind kümmern, dem es offensichtlich richtig miserabel geht und laut weint?“, konterte Papa stinksauer.
„Was sollen wir denn jetzt machen?“ schrie die Frau ihn an. „Wir müssen ja jeden Ball einzeln schrubben! Was für eine eklige Sauerei!“

Bevor Papa noch etwas sagen konnte, hatte Mama sich mit dem völlig platten Sam auf dem Arm zwischen die beiden gedrängelt und sagte zu Papa: „Du holst die beiden anderen und Mo!“ Dann drehte sie sich zu der Frau um, nahm alle Kraft zusammen und sagte: „Es tut mir wirklich leid.“ Und dann ließ sie die Frau da stehen und lief mit Sam im Arm zum Ausgang. Papa nickte uns zu, pfefferte den Elternalarm auf den Tresen, holte unsere Schuhe und warf sie in die Tasche unter dem Buggy. Dann stampfte er Mama hinterher. Mo juchzte und winkte fröhlich. Noah und ich rannten auf Socken hinter Papa und Mo her.

Wir machten nie wieder einen Ausflug zu IKEA. Und Mama hatte auch keine weiteren Versuche unternommen, die Lampe zu ersetzen.
Aber jetzt kam Tante Irmchen wieder. Nach nur vier oder fünf Jahren. Und sie fände es sicher ganz und gar nicht gut, wenn beim Herrn Pfarrer immer noch die nackte Birne über dem Wohnzimmertisch baumelte.

Mama hatte unser vollstes Mitgefühl. Aber direkt helfen konnten wir nicht. Wohl oder übel musste Mama noch einmal losziehen und eine Lampe kaufen.
„Aber das Gute daran ist“, versuchte ich Mama zu trösten „dass Sam und Noah gar nicht mehr ins Bällebad dürfen!“
Mama lächelte schwach. Sie seufzte tief und sagte schließlich: „Sam und Noah bleiben gefälligst zu Hause. Und du und Mo auch! Das ziehe ich knallhart alleine durch!“


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