Donnerstag, 24. Juli 2014

Kritzelphilosophie

Habe heute mal wieder ein bisschen gekleckst und gekritzelt. Neue Techniken & Materialien ausprobiert, Papiersorten getestet und so weiter...

Bin dann an einem Schnappschuss hängen geblieben, der vor 3 oder 4 Jahren entstanden ist und habe begonnen, das Bild mit Tusche nach zu zeichnen.
Wer schon mal mit Tusche gearbeitet hat, der weiß, dass

a) man danach aussieht wie ein Ferkel
b) das Bild IMMER Kleckse abkriegt und
c) man mit der Feder keine Flächen zeichnen kann, sondern nur Striche.

Daher muss man mit der Feder flächige Teile mit übereinander liegenden Strichen versehen. Je dichter die Striche liegen, desto dunkler wird die Fläche. (Man kann aber auch den Pinsel nehmen... is klar)
Und wie ich da so meine Strichlein ziehe, merke ich, wie ich immer weniger das Gesamtbild in den Fokus nehme, sondern mich nur auf einen winzigen Ausschnitt konzentriere. Und dann
auf den nächsten und so weiter. Wenn ich dabei alles richtig mache, entsteht ein geniales Bild. (Da ich ja noch fröhlich übe und ausprobiere, darf es auch weniger genial sein...)

Mich vom großen Ganzen zu verabschieden und dafür einen kleinen Teilbereich zu beackern ist wichtig! Denn auch wenn mein Ausschnitt für sich genommen unwichtig und bizarr wirkt, so bringt er seinen Teil zum Gesamtbild mit sich!
Das habe ich mir für das Zeichnen mühsam antrainieren müssen. Denn normalerweise sehe ich ein Bild, eine Figur, eine Landschaft natürlich als Ganzes. Da ist der Kopf, der ist oval. Die Nase, die Augen... irgendwie in der Mitte oder so?!
Wenn ich so zeichne, kommen immer die gleichen Gesichter heraus, obwohl unterschiedliche Gesichter vor mir sitzen... das ist manchmal sehr schmeichelhaft, meistens aber sehr unbefriedigend ;)
Wenn man sich aber auf die Linien, die Schatten, das Licht konzentriert, versucht, nur die Umrisse wahrzunehmen. Das Gesicht, die Landschaft, das Objekt zu zerlegen in einzelne Teile, Segmente. In Licht und Schatten. Dann kann man es auf dem Papier wieder zusammensetzen!

Und sonst so?
Im Leben? 

Wie oft sehr ich nur das große Ziel? Das angestrebte Ende? Und ich gebe mir wirklich große Mühe, auf das Ende hin zu arbeiten! Mir fehlt dann die Geduld für die kleinen Teile, die winzigen Striche, die Details... und dann bin ich vom Ausgang der Sache enttäuscht. Hatte es mir anders vorgestellt...

Ich will mich mal wieder mehr so auf die kleinen Striche in meinem Leben konzentrieren. Das Kleinklein, statt des großen Wurfs!
Weil ich, wenn ich im Kleinen schlampig zugange bin, auch das große Bild versudeln kann. Ich will Geduld üben und ein bisschen Demut. Um den scheinbar unwichtigen Dingen ihren Raum zu geben.
Und darauf vertrauen, dass die einzelnen Teile ein großes Bild ergeben. Nur eben nicht sofort.

Und noch etwas könnte passieren:
Vielleicht arbeite ich in den meisten Bereichen meines Lebens gar nicht ALLEIN an dem Bild.

Vielleicht ist es von äußerster Notwendigkeit, dass ich meine kleinen Strichlein so sorgfältig wie nur irgend möglich ziehe, damit die Teile, die die anderen so erwerkeln, nachher zu den meinen passen?

Das ist doch erleichternd zu wissen. Dass ich nicht allein für das große Bild zuständig bin.
Dass auch ich ein Teil eines großen Ganzen bin!

Ich bin dankbar für meinen Mann und meine Kids, die mit mir an unserem Familienbild malen.
Für meine Freunde, meine Gemeinde, die über den Tellerrand unseres Familienalltags heraus mitzeichnen.
Und für den einzigartigen, kreativen, genialen Schöpfer des großen Bildes!
Dass er mit meinen Tintenklecksen und krakeligen Strichlein etwas anfangen will! Und dass bei ihm jedes schwarze Pünktchen noch für etwas gut ist!





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